DIE BAM

So, genug Urlaub! Nach der Entspannung auf der Insel geht es nun ans Eingemachte, Die BAM ruft. Etwa 150 km nach der Insel stehen wir am Scheideweg: links geht es zurück nach Irkutsk in die Zivilisation rechts geht es nach Norden, hier wartet das echte Abenteuer auf uns. In freudiger Erwartung setzten wir den Blinker rechts, tanken die Motorräder noch mal voll und starten in das Ungewisse. Auf Asphalt in wechselnder Qualität fahren wir durch wunderschöne hügelige Landschaften mit Feldern, Wiesen und Feldern, ein echter Traum. Hinter jeder Kurve vermuten wir das Ende des Asphalts aber das schwarze Band zieht sich noch lange vor uns hin. Irgendwo im Nichts kommt uns ein schwer beladener Motorradfahrer entgegen. Vollbremsung!

 

Chris, ein Engländer mit einer Transalp, nimmt den Helm ab kommt auf mich zu und begrüßt mich mit den Worten: „You must be JoeDakar.“ Mein Ego grinst breit. Chris hatte technische Probleme mit seiner Transalp und sich zur Umkehr entschlossen. Er hofft, in Irkutsk auf einen BMW G650 eines Bekannten wechseln zu können und sich noch mal auf die BAM wagen zu können. Wir tauschen die üblichen Tipps und Informationen aus und wünschen uns gegenseitig gute Reise.

 

Endlich wird die Straße zur Piste. Wunderschönen zieht sich das staubige Band durch Felder, Wälder, Dörfer und die grandiose Landschaft. Immer wieder folgt der Streckenverlauf direkt der Lena, einem der längsten Flüsse Russlands. In einem weiten Bogen folgt die Strecke dem Baikalsee gen Norden, um ganz an der Nordspitze wieder auf den See zu treffen. Die letzten 100 km vor Severobaikalsk zeigen eindrucksvoll, was uns die nächsten Tage erwarten wird: Schlaglöcher, große Pfützen, kleine Pfützen, Wasserlöcher, Schlammlöcher, marode Brücken, neue Brücken, Völlig zerschossen Streckenabschnitte und nagelneu gebaute Kilometer. Dieses Paradies für Endurofahrer führt durch eine wirklich grandiose und zumeist völlig unberührte Landschaft.

 

Aber bevor so richtig knackig wird, folgen wir dem Nordufer des Baikalsees auf einer schönen Asphaltstrasse. Chris hatte uns vor dem Abschnitt nach dem Asphaltsende gewarnt: endlose tiefe Schlaglöcher, ein schrecklich zu fahrender Abschnitt. Doch wir haben Glück, das komplette Streckenstück ist frisch gesandet und geschoben. Nur es dadurch leichter zu fahren ist, das lass ich jetzt mal offen... Der stellenweise sehr lose du tiefe Sand wird unterbrochen durch große und kleinere, flache und tiefere Wasserlöcher. Für fahrerische Abwechslung ist also gesorgt, Zeit für die schöne Landschaft bleibt leider wenig.

 

An der ersten wirklich maroden Brücke treffen wir eine folgenschwere, falsche Entscheidung: Wir entscheiden uns für das Wasser. Schaffe ich es noch Corinna’s Motorrad durch die 300 Meter lange, recht tiefe und stark durchströmter Fuhrt mit vielen kinderkopfgroßen, rutschigen Flusskieseln zu fahren, versage ich bei meiner Maschine. Mehrmals fahre ich mich fest und falle mit dem Motorrad ins tiefe Wasser.

Es hilft alles nichts: mitten im Fluss muss ich die Airbox aufschrauben um zu schauen ob dort Wasser eingedrungen ist. Über 1 Stunde stehe ich mitten im eiskalten Wasser aber, wir haben Glück gehabt! Kein Wasser in der Airbox. Also das Motorrad wieder zusammen geschraubt habe und aus dem Fluss fahren möchte, geht plötzlich der Motor aus. Nichts geht mehr. Verzweifelt und am Ende unserer Kräfte schieben wir das Motorrad aus dem Fluss und suchen uns direkt am Ufer einen einigermaßen geeigneten Zeltplatz.

Wir sind völlig erschöpft, nass und frustriert. Über 3 Stunden haben wir uns durch den Fluss gekämpft. Während Corinna das Zelt Aufbau versuche ich erneut das Motorrad zum laufen zu bekommen. Leider ohne Erfolg. Nach einer unruhigen Nacht direkt an der Bahnlinie und immer mit etwas Angst vor Wölfen und Bären überlegen wir das weitere Vorgehen. Wir halten einen vorbeikommenden Wagen an und fragen nach einer Möglichkeit die Motorräder in die nächste Ortschaft zu schaffen. Er verspricht, sobald er Handy Empfang hat, einen Freund zu informieren und ihn zu uns zu senden. Nun heißt es warten, hoffen und Instant-Kaffee trinken.

 

Tatsächlich erscheint nach 2 Stunden ein 6×6 Kamaz mit zwei fröhlich lächelnden Männern darin und wir laden über eine Rampe und einen Haufen Sand unsere Motorräder in den LKW. Abenteuerlich spannen wir die Motorräder gegeneinander, werfen unser ganzes Gepäck hinterher und los geht die wilde Fahrt. Auch wenn wir uns gut festhalten müssen, nun haben wir endlich Zeit die Landschaft zu genießen.

 

Nach gut 2 Stunden Fahrt und 30 km Strecke erreichen wir die nächste Ortschaft. Dort laden wir die Motorräder ab und werden erst mal zum Mittagessen eingeladen. Dank Handyempfang kann ich mit meinem Freund Gerd in Deutschland das Problem erörtern. Sofort hat Gerd eine Lösung parat: Wasser im Benzin. Schnell ist der Tank geöffnet  und leergepumpt und mit einem Trick auch das Einspritzsystem geleert. Die Russen staunen nicht schlecht wie viel Wasser aus dem Einspritzsystem herauskommt. Mit frischen Sprit im Tank springt meine F800 Adventure sofort wieder an. Yes, es kann weitergehen.

 

Für heute ist es aber eh zu spät, die Banja ist angeheizt und das Essen wartet auch schon wieder auf uns. Wir geben uns ganz der sprichwörtlichen Russischen Gastfreundschaft hin. Und weil es so schön ist, hängen wir noch zwei Tage Entspannung dran. Der Kampf mit dem Fluss hat uns eine Menge Kraft gekostet.

 

Auf dem Weg nach Taksimo zeigt die BAM endlich ihr wahres Gesicht: Die Strecke ist heftig, die Brücken in immer schlechteren Zustand und zu allem Überfluss beginnt es auch noch heftig zu regnen. Wir kommen uns vor wie in einem Trial-Parcour, allerdings mit voll beladenen Motorrädern - die sich jedoch erstaunlich leicht Händeln lassen. Corinna gerät an ihre Grenzen. Das bedeutet für mich das Vergnügen, viele Passagen zweimal fahren zu dürfen. Langsam, aber ohne größere Zwischenfälle kämpfen wir uns voran. Gegen Spätnachmittag erreichen wir endlich Taksimo. Puh, das waren 6 Stunden für 120 km.

 

Ein Drittel der BAM geschafft. Mal schauen was uns noch erwartet.

 

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