PLANÄNDERUNG

Corinna schaut abends im Hotel aus dem Fenster und sagt: „Du da stehen zwei Motorräder vor der Tür“. Es sind Felix und Chris. Chris hat es tatsächlich geschafft in Irkutsk sein Transalp gegen eine G650  zu tauschen und ist die ganze Strecke noch mal gefahren. Wir haben einen sehr lustigen Abend, der nur von einigen, etwas anstrengenden (betrunkenen) Hotelgästen gestört wird.

 

Chris und Felix starten früh in Richtung Vidim-Brücke. Ich folge Ihnen einige Stunden später während Corinna einen Tag Pause macht. Als Tagesausflug möchte ich versuchen die Vidim-Brücke zu erreichen. Corinna kann meinen Weg auf den GPS Tracker verfolgen und wir haben eine feste Zeit für meine späteste Umkehr ausgemacht, so dass ich auf jeden Fall bei Tageslicht wieder zurück bin.

 

Bei sonnigem Wetter und angenehmen Temperaturen fahre ich los. Die Strecke Sande aber gut geschoben und leicht zu fahren. Ich komme sehr gut vorwärts. Nach etwa 50 km verlasse ich die Hauptpiste und wende mich Richtung Vidim-Brücke. Die Strecke ist kaum befahren und so kann ich einfach den Spuren von Chris und Felix folgen. Langsam aber sicher nimmt der Schwierigkeitsgrad zu, mein Tempo nimmt ab. Hoch konzentriert folge ich der Strecke. Nach der Überquerung einiger diffiziler Brücken lande ich im ersten tiefen Wasserloch. Meine innere Stimme ruft noch „stopp“, aber schon stecke ich mitten drin und fahre mich mit dem Motorrad fest. Der Motorschutz sitzt auf einem großen Stein auf und mein Hinterrad produziert nur noch Wasserfontänen. Ich packe das Motorrad ab um es im Wasserloch drehen zu können. Nach dem Wendemanöver fahre ich das Motorrad aus dem Wasserloch und lade mein Gepäck wieder auf. Obwohl es nur noch etwa 15 km bis zur Vidim-Brücke sind treffe ich die Entscheidung: Ich drehe um, das hat alleine keinen Wert. Es ist einfach zu gefährlich. Ich schicke Corinna eine SMS und mache mich auf dem Rückweg. Nach wenigen Minuten stehe ich wieder vor der ersten Brücke. Langsam taste ich mich, auf dem Motorrad sitzend, Zentimeter für Zentimeter voran. Vorsichtig, mit viel Gefühl nutze ich Kupplung und Gas um die Räder sicher über die Metallplatten zu bringen, die die Eisenbahnschwellen miteinander verbinden. Eine Schwelle fehlt, ich weiß und trotzdem geht es plötzlich bergab. In meinem Kopf reicht es gerade noch für die Feststellung: „Mist, das war’s“ und dann schlage ich unter der Brücke am Hang auf. Ich höre es knacken – das muss ein Knochen gewesen sein. „Hoffentlich nicht meine Wirbelsäule“ schießt es mir durch den Kopf.

 

Systemcheck: Kopf? Läßt sich bewegen (Vorsichtig, keine Ahnung ab die Halswirbelsäule OK ist), Beine? Gefühl und beweglich (Zum Glück). Arme? Gefühl und beweglich. Hände? AUA! Das linke Handgelenk hat eine komische vorm, die Hand ist nicht zu gebrauchen, rechts sieht es zwar besser aus, aber auch diese Hand ist nicht zu gebrauchen. Ich befreie mich vom Motorrad, nehme mir unter Schmerzen den Helm ab, greife nach dem SPOT und krieche auf den Knien den Hang zum Weg hinauf. Ich weiß, ich habe etwa 10 Minuten Zeit in denen ich, egal was mir wirklich alles passiert ist, noch einigermaßen denken und agieren kann. Diese Schock-Zeit gilt es nun zu nutzen: Ich versuche mein Handy aus der Tasche zu bekommen – gar nicht so einfach mit zwei nicht mehr richtig funktionierenden Händen. Empfang! Ich kann es kaum fassen und rufe Corinna an. Ich versuche sachlich und ruhig zu erklären was passiert ist und dass ich Hilfe brauche. Kein einfaches Telefonat, was mag Corinna jetzt durchmachen? Ich aktiviere die SOS Funktion des SPOT und versuche mich möglichst schmerzfrei mitten auf den Weg zu setzen. Jetzt kann ich nur noch warten und hoffen. Gleichzeitig beobachte ich meinen Körper. Ich kann weder eine Verletzung der Wirbelsäule, noch innere Verletzungen ausschließen. Die Angst, dass noch mehr kaputt ist als die Hände und das inzwischen sehr stark schmerzende Knie kriecht langsam in mir hoch. Ich richte mich auf eine längere Wartezeit ein, nehme ein Video für Corinna auf und hoffe, dass nicht gleich ein hungriger Bär aus dem Gebüsch gebrochen kommt. Mein Kreislauf spielt verrückt, die Sonne stich, die Schmerzen auch im Kopf werden immer stärker – aber die Landschaft in der sitze ist grandios...

 

Träume ich? Nach etwa 2 Stunden reißt mich Motorengeräusch aus meinem Dämmerschlaf. Tatsächlich kommt auf dieser, praktisch komplett ungenutzten Strecke ein weißer 6x6 Kamaz Muldenkipper auf mich zu. Ich rappel mich hoch und winke heftig. Ich erkläre den beiden Fahrern das Problem und zeige auf das Motorrad unter der Brücke. Die Jungs fackeln nicht lange, fahren auf die Brücke, fahren ihren kleinen Kran aus und bergen das Motorrad. Ich stehe fassungslos daneben. Meine Sachen werden eigesammelt, sogar meine Brille finden Sie unter dem Motorrad im Dreck. Das Motorrad kommt auf die Ladung, ich in die Fahrerkabine. Immer wieder flösst mir der Beifahrer Wasser ein. Die Jungs weigern sich, umzudrehen und mich die 70km nach Taksimo zurück zu bringen – die nächste Krankenstation ist viel näher, führt mich aber weiter von Taksimo und Corinna weg. Ich erreiche Corinna per Handy und teile ihr mit, dass ich aufgelesen wurde und auf dem Weg zu einer Krankenstation bin. Ich kann ihre Erleichterung förmlich spüren. Denn trotz aller Bemühungen und viel Hilfsbereitschaft ist in Taksimo noch keiner zu meiner Rettung losgefahren – der LKW-Fahrer war nicht erreichbar.

 

Die Jungs sind extrem routinierte Fahrer und kennen die Strecke sehr gut. Weise Entscheidung von mir rumzudrehen – die nächsten Wasserlöcher sind bis zu 1 Meter tief – das wäre alleine nicht zu schaffen gewesen. Und dann fahren die Jungs doch tatsächlich mit mir im 6x6 Kamaz über die Vidim Brücke. Das ist im LKW noch deutlich heftiger als mit dem Motorrad. Der Beifahrer filmt die Überfahrt für mich – Zwischen den Reifenkanten des Kamaz und der Brückenkante liegen mal jeweils knapp 2 cm...

 

Nach fast2 Stunden kommen wir im ca. 50km entfernten Kuanda an. Dort werde ich schon erwartet und per Lada zur Krankenstation gebracht. Der (leider Namenlose) Arzt befreit mich mit einer Seelenruhe und Vorsicht von allen Bekleidungsstücken inkl. Orthesen, Endurostiefeln usw. Ohne etwas kaputt zu machen. Dann untersucht er mich mit seinen Händen – andere Diagnosemittel hat er nicht zur Verfügung. Dann spritzt er mir ein Betäubungsmittel in den Bruch des linken Handgelenks (Details erspare ich euch) und baut mir einen perfekten Gips. Danach führt er mich in einen anderen Raum wo seine Frau/Freundin auf mich wartet und mich mit  leckerem, selbstgemachten Essen „mästet“ und mir Tee zu trinken gibt. Jetzt darf ich mich hinlegen. Drei Stunden später weckt er mich. Er packt meine ganzen Klamotten in seine Sporttasche und wir fahren (ich immer noch nur in Sportunterwäsche) in einen Hinterhof wo, in der Mulde eines LKW meine GS liegt. Er nimmt alle Gepäckstücke von der GS und es geht weiter zum Bahnhof. Dort wartet ein keiner Zug (Lok + 1 Wagon). Mein Gepäck wandert in ein Abteil, ich hinterher. Mein Doktor stellt mich der Familie im Abteil vor und bevor ich Danke sagen kann, ist er verschwunden. Ich gebe Corinna per Handy bescheid, dass ich per Zug unterwegs bin zu ihr.

 

Die Familie im Zug verwöhnt mich mit Kuchen und Tee und wir verständigen uns mit Händen und Füßen (Soweit das bei mir gerade geht). Corinna meldet sich nach 2 Stunden: Laut Bahnhof kommt heute kein Zug mehr, sie geht jetzt in’s Hotel. „Nein“ rufe ich in’s Telefon, „ich bin in 10 Minuten da“. Als wir am Bahnhof ankommen ist es längst dunkel. Wieder warten Menschen am Bahnsteig auf mich, kümmern sich um mein Gepäck und setzen mich in einen Lada. Beinahe fahren sie ohne Corinna los. Die Sorgen sind ihr in’s Gesicht geschrieben, aber auch die Erleichterung, dass ich lebend wieder bei ihr bin.

 

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