X-EUROPE

Sinzig – Nordkapp – Sinzig – Gibraltar 


Dass diese Testtour und Rekordfahrt mit einer BMW K 1200 R und einer BMW R 1200 RT kein Motorradurlaub im klassischen Sinne wird, das war uns natürlich von Anfang an klar. Diesmal ging es um eine lange Strecke und wenig Zeit – also nichts mit mal links oder rechts abbiegen, das Zelt schon Mittags an einem extra schönen Ort aufschlagen, stundenlang mit Einheimischen oder anderen Bikern plaudern, gemütlich in der Sonne sitzen und die Freiheit genießen....

Und gleichzeitig Neuland für mich!  


Als Corinna und ich uns beim TT-Travel Event kennenlernten, ahnte keiner von uns beiden, was in den Wochen danach passieren würde. Irgendwie wurde Corinna plötzlich Bestandteil der Reiseplanung und dann auch noch wichtigster Bestandteil meines Lebens - und allen Unkenrufen zum Trotz, hat uns diese Tour noch viel enger zusammen geschweißt... ab sofort bin ich nicht mehr alleine unterwegs und das Reisen macht noch mehr Spaß!


Sinzig – Nordkapp – Sinzig – Gibraltar  - Knappe 10.000 Kilometer in 8 Tagen.

Ich stecke mitten in der Grundplanung für die Tour, als wir uns auf dem Touratech Travel Event  im Schwarzwald zufällig kennen lernen. Eigentlich eine klassische Biker-Treffen-Bekanntschaft. Wir stellen erst hinterher fest, dass wir uns ganz sympathisch sind und unsere Interessen und bevorzugte Art zu Reisen sehr ähnlich gelagert sind. Und so entsteht – nicht zuletzt auf Wunsch des Redakteurs von AZ Media TV (für die wir die ganze Tour gefilmt haben) – die Idee, die Tour gemeinsam zu fahren. Sogar Corinnas Chef ließ sich von der verrückten Idee anstecken und genehmigte eine Woche Urlaub für den Trip.


Uns selbst packt der Reisevirus erst sehr spät, da wir beide fest im Job eingespannt sind. Die Gespräche mit den Sponsoren müssen in den normalen Tagesablauf integriert werden, die Planung der Tour findet nach Feierabend am Laptop statt. Selbst das Packen und Besorgen der letzten Kleinigkeiten können wir erst am Abend vor der Abreise erledigen. Am Freitag den 12. August 2005 soll es losgehen, aber Erich hat die Idee, erst am Samstag morgen zu fahren. Er möchte uns gerne noch ein Stück begleiten, außerdem haben wir es mit der Fahrzeitrechnung dann leichter. So haben wir unerwartet und kurzfristig noch einen Abend in Sinzig und weniger Stress bei der Abfahrt – schließlich mussten wir beide den ganzen Freitag noch arbeiten...


Freitag, 12. August, 20:00 – der Countdown läuft

Wir treffen uns bei Wunderlich und tatsächlich stehen beide Maschinen reisefertig vor der Tür. Ich habe den Tag über das erforderliche Gepäck auf die Motorräder verteilt, so dass Corinna nur noch die letzten Kleinigkeiten von ihrer R 1100 GS auf die R 1200 RT umpacken muss. Natürlich gibt es noch viel zu bereden. Währenddessen filmt Steffen die letzten Vorbereitungen und wir verabschieden uns gegen 21:30 Uhr von Erich Wunderlich und düsen los. Kaum vom Platz gefahren tut es einen Schlag und wir haben die erste Möglichkeit die Kommunikationsanlage zu testen: Corinna hat das Topcase verloren. Es liegt offen auf der Strasse und der Inhalt ist auf derselbigen verteilt. Sichtlich erfreut über diesen Zwischenfall nach bereits 300m, sammeln wir die Sachen auf und fahren zurück zur Firma, wo alle Anwesenden etwas erstaunt schauen. Schnell holen wir ein neues Topcase aus dem Lager, packen um und Erich Wunderlich persönlich wacht darüber, dass diesmal das Topcase ordnungsgemäß auf dem Träger befestigt wird. Gut, dass wir heute keine Kilometer mehr vor uns haben, denn inzwischen ist es dunkel und beginnt zu regnen. Wir gönnen uns in Koisdorf noch ein leckeres Essen und fallen müde und voller Erwartung an den nächsten Morgen ins Bett.


Samstag 13. August, 05:00 – Tag 1, 1050km (ges. 1050km)

Um 5Uhr klingelt der Wecker und völlig schlaftrunken versuchen wir uns mit einer schnellen Dusche zu wecken. Wir packen in der Morgendämmerung die Motorräder und brauchen eine ganze Weile bis die diversen Navigationsgeräte usw. ordnungsgemäß an den Motorrädern befestigt und verkabelt sind. Dann geht es endlich los: Auf der Raststätte Brohltal treffen wir uns mit Erich Wunderlich und gönnen uns ein ausgiebiges, gemeinsames Frühstück. Anschließend machen wir uns zu Dritt auf den Weg gen Osten. Wir lassen die Eifel hinter uns, durchqueren den Westerwald und erreichen die Autobahn nach Dresden. Bei einer kurzen Rast verabschieden wir uns von Erich, der weiter nach Oschersleben fährt. Ab diesem Zeitpunkt sind wir auf uns alleine gestellt. Wir finden schnell unseren eigenen Rhythmus mit dem Verkehr mit zu schwimmen und kommen gut voran. Abwechselnd übernehmen wir die Führung und Navigation, dabei finden wir auch früh unseren Pausen Rhythmus heraus, der uns die ganze Tour begleiten wird – alle 150km machen wir einen Stop. So können sich die Knochen und die Muskeln erholen und wir den Flüssigkeitshaushalt in beiden Richtungen wieder stabilisieren. Das morgentliche, ausgiebige Frühstück hat natürlich Zeit gekostet, aber wir sind trotz alledem schnell in Polen, wo wir uns in der Nähe von Preslau ein deftiges Mittagessen gönnen. Bei der Gelegenheit spendieren wir der RT noch einen halben Liter Öl. Das Motorradfahren in Polen macht einfach Spaß. Der Autoverkehr ist angenehm und berechenbar, ganz im Gegenteil zu deutschen Straßen, wo alle auf Ihrem Egotrip unterwegs sind. Es wird Platz gemacht und wir kommen zügig voran. Einfach genial, durch diese endlosen polnischen Alleen zu düsen, den Blick auf die schöne Landschaft gerichtet. Zahlreiche Störche fliegen an uns vorbei oder füttern hoch oben in ihren Nestern ihren Nachwuchs. Gegen 22:00 Uhr holt uns bereits die Dunkelheit ein und wir bekommen an einer Tankstelle in Piotrkow, ca. 150km vor Warschau, den entscheidenden Hotel-Tipp. Ein Pole winkt uns und führt uns auf schnellstem Wege zu unserer ersten Übernachtungsstätte. Nach knapp 800 Metern stehen wir vor einem modernen Hotel mit Marmortreppe und bekommen ein hübsches Zimmer. Ich kann die Dame an der Rezeption dazu überreden, dass wir die Motorräder in der Lobby parken dürfen. Leider müssen die Motorräder dann doch draußen schlafen, denn wir bekommen auch mit vereinten Kräften die „Dicke“ RT nicht durch Türe.

So parken wir unsere Babies vor der Türe im vollen Vertrauen auf die Wachsamkeit der Rezeption und die Alarmanlagen.  Der Herd wird zu später Stunde extra für uns noch mal angeworfen und wir bekommen ein fürstliches Mahl, sowie ein großes Bier. Nach einem kurzen Statement vor der Kamera, einer heißen Dusche und Einreibung mit Voltaren Gel fallen wir in einen tiefen Erschöpfungsschlaf.


Sonntag, 14. August, 05:00 – Tag 2, 975km (ges. 2025)

Der Wecker braucht eine ganze Weile um uns aus dem Schlaf zu reißen. Wir liegen noch genau so im Bett, wie wir eingeschlafen sind. Schnell sind die Sachen wieder in den Koffern verstaut und ohne Frühstück (gibt es hier so früh noch nicht) machen wir uns wieder auf den Weg. Kaum auf der Schnellstraße beginne Ich ständig an dem Stromstecker für das Navigationsgerät herum zu werkeln, werde langsamer, dann wieder schneller – die Stromversorgung bricht dennoch wieder ab. An einem Straßencafé mit Tankstelle halten wir an, tanken und gönnen uns einen polnischen Kaffee, der dann doch leider nur ein Instantkaffee ist – schade, dass der Westen hier so schnell Einzug hält. Beim Versuch, den losen Stecker wieder zu befestigen, stellen wir dann fest, dass in der Steckdose ein Kontakt umgebogen ist. Das will Ich mit dem Leatherman wieder richten und verursacht einen Kurzschluß. Meine Laune geht gegen Null, es ist aber eindeutig noch zu früh um sich aufzuregen.

Mit steinerner Mine hole ich den TORX-Schlüssel für die Batterieverkleidung unter der Sitzbank hervor, um dann fest zu stellen, dass die Originalschrauben gegen Inbusschrauben ausgetauscht wurden. Einen Inbussteckschlüssel haben wir natürlich nicht dabei und so muss der Leatherman wieder ran. Fix ist eine neue Sicherung eingebaut und plötzlich hält auch der Stecker wieder in der Steckdose. Meine Laune bessert sich schlagartig und bin sogar für einen zweiten Kaffee zu erwärmen. Anschließend fahren wir weiter und lassen Warschau  hinter uns. Die Strasse führt uns durch das wunderschöne und urwüchsige Masuren in Richtung Litauen, wo wir an der Grenze nicht mal unsere Papiere zeigen müssen. Sehr angenehm das neue Europa! Schnell nimmt uns die baltische Landschaft gefangen. Bauern sitzen hier wie noch vor hundert Jahren auf dem Feld und melken ihre Kühe, wunderschöne Pferde grasen friedlich das frische Grün in den weitläufigen Ebenen – die Landschaft und ihre Menschen strahlen eine ansteckende Ruhe aus, die sich schnell auch auf uns überträgt. Man fühlt sich zeitweilig wie von einer Zeitmaschine zurück gesetzt in die 50er Jahre. Der Anblick von Pferdekarren voll Heu ist hier auf der autobahnähnlichen Schnellstraße völlig normal. Es gibt sogar noch ein eigens darauf hinweisendes Warnschild.  In Lettland hat auch gerade der Fortschritt bzw. EU-Geld Einzug gefunden. Mit Förderung der Europäische Union wird in Litauen nun die „Baltikum Magistrale“ gebaut, was für uns allerdings hunderte von roten Ampeln und einspuriger Verkehrsführung bedeutet. So manche Baustellenumleitung wurde zum Ausflug auf wilde Pisten. Hier kann die K 1200 R mit ihrem neuen ALU-Motorschutz mal zeigen, wie pistentauglich sie ist. Die R kann der RT zwar nicht gleichermaßen schnell über Stock und Stein folgen, aber sie lässt sich auch auf losem Untergrund noch gut händeln. Das Fahren im Stehen bringt die Ergonomie allerdings doch eher in grenzwertige Bereiche ;-) Deutlich gebremst durch die unzähligen Baustellen erleben wir in Lettland im Vorbeifahren einen wunderschönen Sonnenuntergang über der Ostsee. Uns ist damit auch seit einiger Zeit klar, dass wir die für den Abend gebuchte Fähre von Tallinn nach Helsinki nicht mehr erreichen werden, zumal wir durch die Zeitverschiebung auch noch eine zusätzliche Stunde „verloren“ haben. In der eingetretenen Dunkelheit können unsere Xenon- Zusatzscheinwerfer erstmalig zeigen was sie drauf haben. Gegen 22:00 Uhr erreichen wir die Grenze zu Estland, zeigen an der Grenzstation unsere Ausweise und bekommen von der Zöllnerin den Tip, wo wir ein Hotel finden. Dieses ist gut ausgeschildert und so stehen wir eine halbe Stunde später in der Nähe von Kabli vor einem weitläufigen Backsteingebäude direkt am Ostsee Strand. Wir stellen die Motorräder wieder direkt vor der Türe ab und löschen unseren Durst mit kühlem Bier bei einem kleinen Imbiss an der Hotelbar. Wir schicken noch eine SMS nach Hause und fallen, getragen vom Rauschen des Meeres nach der Voltaren-Massage wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


Montag, 15. August, 05:00 – Tag 3, 851km (ges. 2876)

Der Wecker reißt uns förmlich aus dem Schlaf. Wir stehen auf, wobei hier Corinna immer die Disziplinierte ist und mich am Weiterschlafen hindert. Wir fühlen uns heute beide wie zerschlagen. Die Muskeln wehren sich gegen die dauerhafte, ungewohnte Belastung und reagieren mit Verspannungen und Schmerzen. Nach einer heißen Dusche sitzen wir im Morgengrauen schon wieder im Sattel unserer Motorräder. Auf dem Weg zurück zur Hauptstrasse sehen wir die langsam aufgehende Sonne durch die Bäume blitzen. Wir halten an, bauen die Kamera auf und warten auf den Sonnenaufgang. Und warten und warten und warten.... die Sonne ist leider längst wieder hinter den dunklen Wolken am Himmel verschwunden! Gegen 08:30 Uhr erreichen wir den Hafen von Tallinn und bekommen für unsere Buchungsnummer direkt die Boardkarten ausgehändigt. Die Katamaranfähre „Superseacat“ der Silja Line, die uns in weniger als zwei Stunden Überfahrt nach Helsinki bringt, steht schon bereit. Endlich eine Stunde Zeit für ein kleines Nickerchen und ein fettes Frühstück. Helsinki empfängt uns mit blauem Himmel, Sonnenschein und sehr angenehmen, sommerlichen Temperaturen. Das läßt die Schmerzen vergessen und frohen Mutes fahren wir durch Helsinki zur Autobahn , die uns gen Norden bringt. Flüssig folgen wir dem weniger werdenden Verkehr in Richtung Lahti und von dort aus weiter nach Oulo. Wir fahren durch unendliche, saftig grüne Wälder und freuen uns immer wieder an kleinen Seen, die zwischen den Bäumen hindurch blitzen. Leider währt der Sonnenschein nicht lange und wir ereichen Oulu bei einsetzendem Regen. Inzwischen sind die Schmerzen im Nacken und den Schultern fast unerträglich geworden. Bei beginnender Dämmerung entzieht uns dann die Kälte den letzten Rest Energie. Völlig am Ende beginnen wir nach einem Hotel oder einem Campingplatz mit Hütten zu suchen und fahren einige Male ins Leere. Letztendlich finden wir ein Hotelschild und nach einiger Suche landen wir dann an einem Campingplatz in Ii Salaa. Ich spaziere an die Rezeption und fragt nach einem Zimmer. Die Dame schaut anfangs sehr skeptisch und bietet uns dann ein Zimmer für 80 Euro an. Wir sagen widerstandslos zu und bekommen im Endeffekt eine Hütte mit finnischer Sauna für 71 Euro, sowie den gesamten Sandwichbestand des kleinen Tante-Emma-Ladens neben der Rezeption und ein Bier geschenkt.

Mit letzter Energie schaffen wir unsere Sachen in die Hütte und heizen die Sauna an. Wir brauchen eine ganze Weile, um in der Sauna unsere gewohnte Form wieder zu finden und die Hitze genießen können. Entspannt und froh über den Luxus einer hütteneigenen Sauna fallen uns beim Abendessen schon die Augen zu und wir begeben uns nach diesem körperlich harten Tag in  unser Bett.


Dienstag, 16. August, 06:00 – Tag 4, 928km (ges. 3804)

Heute morgen geht es uns bedeutend besser, was nicht heißt, dass der Wecker so früh morgens zu unserem Freund wird. Es ist wohl wie beim Skiurlaub – der dritte Tag ist der Schlimmste. Wir fühlen uns heute erheblich besser, die Sauna hat unseren Körpern sichtlich gut getan. Nach einem heißen Tee als Frühstück machen wir uns mit neuer Energie auf den Weg. Finnland ist ein wunderschönes Fleckchen unserer Erde, aber leider können wir den Blick nicht ungeniert über die Landschaft streifen lassen. Man muß ständig mit Rentieren neben und auf der Fahrbahn rechnen. Diese schönen Tiere haben die Ruhe weg und bleiben halt so lange auf der Fahrbahn stehen, wie es ihnen Spaß macht. Selbst bei angepasstem Tempo freut man sich hier doch immer wieder über die guten Bremsen der Motorräder. Gegen 10:00 Uhr erreichen wir den Polarkreis in Juoksenki, machen einige Fotos und gönnen uns ein ausgiebiges Frühstück in der Sonne. Von diesem Etappenziel motiviert und durch den Kaffee gepuscht machen wir uns wieder auf den Weg. Und tatsächlich, unsere Schmerzen haben  mittlerweile deutlich nachgelassen und wir fahren viel befreiter und entspannter unserem ersten großen Ziel – dem Nordkapp entgegen. Hinter Muonio wechseln wir die Richtung und fahren immer tiefer in eine karge, teilweise alpin anmutende Landschaft hinein. Die Bäume werden zu Büschen, die Hügel langsam schroffer und die Farbe des saftigen Grüns wird durch einen dominierenden Ockerton ersetzt. Mitten im Nichts überqueren wir die Finnisch–Norwegische Grenze und folgen einer perfekt ausgebauten Landstrasse durch die sanften Hügel. Die Strasse wird zur genialen Motorradstrecke, als sie dem Verlauf eines reissenden Flusses ins Tal folgt. Eine Kurve jagt die Andere und auf dem griffigen Asphalt lassen wir die Maschinen fliegen. Erstaunlich wie Corinna die schwere und breite RT durch die Kurven drückt, ich habe auf meiner R leichtes Spiel und genieße gleichermaßen die Kurvenhatz. In Alta gönnen wir uns bei grauem Himmel ein echt norwegisches Mittagsmal – Hummer, Krabben und Muscheln mit einem heißen Kakao. Die Höhe der Rechnung verschweigen wir hier lieber. Nun sind es zum Nordkapp noch 240 Kilometer – das sollte doch zu schaffen sein! Die Strasse geht genauso traumhaft weiter, wie sie uns bereits bis nach Alta geführt hat und somit erreichen wir nach kurzer Fahrt Olderfjord. Corinna's Frage nochmal zu tanken verschiebe ich auf den nächsten Stop in der folgenden, 42km entfernten Ortschaft. Da die R eine Tankreichweite von ca. 250km hat, müssen wir da etwas vorausschauend tanken.

Ich beschließe also noch genügend Sprit im Tank zu haben und wir setzen die Fahrt fort. In Olderfjord beginnt die Traumstrasse, die Motorradfahrerherzen höher schlagen läßt. Entlang der schmalen Küstenlinie des Nordmeer folgt ein malerisches Asphaltband mit griffigem Belag gen Norden. Perfekt ausgebaut, geniale Kurven und Kombinationen und einen traumhaften Blick auf die untergehende Sonne über dem leuchtenden, eisblauen Wasser. Wieder geben wir den  Motorrädern die Sporen und genießen jede Kurve, in die wir die Maschinen drücken. Hier zeigt der Conti Road Attack seine Rennsportherkunft: Grip und somit für uns Fahrspaß ohne Ende – wenn da nicht, die Reserveanzeige mahnend an meinem Motorrad leuchten würde. Die Ortschaft, in welcher wir eine Tankstelle vermuten ist nichts anderes als ein schmaler Schotterweg zu einem kleinen Fischerdorf OHNE Tankstelle.Unser Tempo reduziert sich mit jedem Kilometer, gleichermaßen wie die schwindende Reichweite im Display  der R. Vor dem Nordkapp Tunnel angekommen zeigt das Display noch 7 Kilometer an – und das, obwohl ich schon den halben Liter tschechischen Sprit aus meiner Kocherflasche nachgeschüttet hat. Mit einem mulmigen Gefühl fahren wir in den Tunnel hinein und ich lasse die R das Gefälle 3km  bei ausgeschaltetem Motor hinunterrollen. Die folgenden 4km führt der Tunnel wieder bergauf. Die Reichweite wird im Display der R immer mit einem Kilometer weniger angegeben als der Tunnel lang ist. Wir fahren dicht hintereinander und diskutieren über die Kommunikationsanlage, ob Corinna mich im Fall des Falles aus dem Tunnel schieben könnte. Mit laufendem Motor und Restreichweitenanzeige „0 km“ erreichen wir die Mautstation, um zu erfahren, dass die nächste Tankstelle weitere 16km weit entfernt  ist. Das sind unsere längsten Kilometer überhaupt - aber wie auch immer, erreichen wir die Tankstelle noch mit laufendem Motor. Ich fülle 19,5 Liter in den 17 Liter Tank...

Nun kann uns nichts mehr aufhalten und wir nehmen die letzten 32 Kilometer bis an den nördlichsten Punkt Europas unter die Räder. Hatten wir unterwegs noch auf schönes Wetter gehofft, so stecken wir nun in einer dicken Wolke, die das gesamte Nordkapp in dichtem Nebel versteckt. Die Temperaturanzeige der RT gibt um 20:00Uhr 0,5 Grad an. Wir stiefeln in das Gebäude und fallen uns vor der eisernen Weltkugel an der Nordspitze in die Arme. Der erste Teil der Tour ist geschafft – wir sind oben.

Nun müssen wir ja „nur“ wieder ganz runter. Im Souvenirshop kaufen wir 20 Postkarten (für Freunde und Sponsoren) Briefmarken dazu, vier Aufkleber und vier Aufnäher und bezahlen für die kleine Tüte 93 Euro! Noch Fragen? Was der Kaffee und die zwei Brötchen gekostet haben, haben wir dann gar nicht mehr umgerechnet. Es dämmert leicht und wir machen uns nach zwei Stunden Aufenthalt wieder auf den Weg nach Süden. Noch einmal geht es durch die dicken Wolken zurück, bis hinter dem südlichen Ende des Nordkapp Tunnel der Himmel aufklart. Auch südwärts ist die Fahrt am Fjord entlang ein echtes Sahnestück und wir genießen nochmals die dominante Natur, die geniale Straße und die pure Lust am Motorradfahren. Wieder in Olderfjord angekommen mieten wir direkt am Ufer des Fjords eine Holzhütte, duschen heiß und ausgiebig, gönnen uns ein wohlverdientes Dosenbier aus good old Germany und eine kleine Voltaren Massage, bevor wir uns in unseren Schlafsäcken verkriechen. Es war wieder ein langer, aber sehr ereignisreicher Tag und wir fühlen uns viel besser als an den Tagen zuvor.


Mittwoch, 17. August, 06:00 – Tag 5, 1051km (ges. 4855)

Der Himmel ist grau und es nieselt leicht, als wir uns wieder auf den Weg zurück nach Finnland machen. Wir freuen uns auf den Streckenabschnitt entlang des Flusses, den wir bereits am  Vortag genossen haben. Wir nutzen die schöne Strecke für den Versuch ein paar Meter Film aus der Onboard Perspektive zu drehen. Wir haben diesen Weg zum einen aus Zeitgründen (man darf in Finnland schneller fahren als in Norwegen) und zwecks preisgünstigerer Spritversorgung gewählt. Ich fahre langsam auf den norwegisch-finnischen Grenzübergang zu, als Corinna über Funk meint „da ist doch eh keiner“. Prompt springt die Ampel am Übergang auf Rot, wir müssen anhalten und wir werden kontrolliert. Als der Beamte nach unserer Herkunft fragt und unser Reiseziel hört schüttelt er nur den Kopf und lässt uns fahren. Kaum in Finnland haben wir schon wieder die erste Begegnung mit den Rentieren. Konzentriert beobachten wir während der Fahrt den Strassengraben und die Waldränder, um nicht unvermittelt eine Vollbremsung machen zu müssen. Hin und wieder schafft es die Sonne zwischen den dunklen Wolken hindurch für ein bisschen Wärme und gute Laune zu sorgen. Aber die Regenkombis wollen wir / können wir noch nicht ausziehen,die Regenwolken zeigen immer wieder was sie können. Voller Enthusiasmus beim Grenzübertritt nach Schweden unsere Stunde Zeit wieder zu bekommen, erreichen wir Tornio. Wir schließen Wetten ab, wie weit es wohl bis nach Stockholm ist, was wir als unser Tagesziel immer noch im Hinterkopf haben. Statt Stockholm taucht auf den Schildern vorerst immer wieder Sundsvall auf und bis dahin sind es knapp 600km. Wir sind uns bis zum Kauf einer schwedischen Straßenkarte sicher, daß Sundsvall kurz vor Stockholm liegen muß. Leider müssen wir ernüchtert feststellen, dass es nur der halbe Weg nach Stockholm ist und somit unser Tagesziel in unerreichbare Ferne gerückt ist. Wir lassen uns davon nicht entmutigen oder gar unterkriegen, sondern genießen den griffigen schwedischen Asphalt, der kurzzeitig auch mal durch frischen, tiefen Splitt ersetzt wird. Wir sind inzwischen mit den Motorrädern so verwachsen, dass wir sie auch auf diesem unbefestigtem Untergrund sicher und schnell steuern können und dabei noch ein Grinsen im Gesicht haben. Corinna hat wieder die Führung und sorgt mittels Tempomat dafür, dass wir kein Opfer der zahlreichen Radarfallen werden. Wir halten in der Dämmerung neben der Autobahn an, um uns wärmer anzuziehen. Es wird empfindlich kalt. Beim Öffnen der Koffer stellt Corinna fest, dass die Bierdose von Erich, die wir noch im TopCase haben, ausgelaufen ist. Nun schwimmen 0,5 Liter Tuborg Bier im Topcase herum. Zum Glück steht die Kameratasche in sicherer Entfernung auf unseren Sandalen und Regenhüten, so dass sie im Trockenen steht. Naja, erstmal ignorieren, den Deckel wieder zu und weiter. Bald ist uns das Fahren in der Dunkelheit wegen dem zahlreichen Wildwechsel zu gefährlich. Man sieht hier die Elche erst, wenn man schon drin steckt. Also suchen wir im Zentrum von Umea ein Hotel und landen auch gleich vor dem Scandic, welches wohl eines der besten Häuser im Ort ist. Wir bekommen ein Luxuszimmerin der 8. Etage mit Blick über die Stadt und den Vollmondaufgang. In der videoüberwachten Garage finden wir auch noch zwei Plätzchen für die Motorräder. Nach einer Zigarette vor der Hoteltüre (Rauchen ist mittlerweile in allen öffentlichen Gebäuden in Schweden verboten), gönnen wir uns ein Bierchen an der Bar und bekommen noch einen Sandwich vom Buffet. Zeit das schöne Zimmer zu genießen haben wir leider nicht, denn nach einer heißen Dusche und der obligatorischen Massage fallen wir mal wieder in einen Erschöpfungsschlaf.


Donnerstag, 18. August, 06:00 – Tag 6, 1226km (ges. 6081)

Lecker, das Frühstücksbuffet ist schon aufgebaut, als wir zum Auschecken in die Lobby im Erdgeschoß kommen. Soviel Zeit muss sein! Wir gönnen uns ein schwedisches Frühstück, der RT ein bisschen Motoröl und machen uns wieder auf den Weg. Unser Zeitplan wackelt und die Chance, die Tour in den geplanten 8 Tagen zu schaffen werden immer geringer. Heute tauschen wir unterwegs die Motorräder. Corinna soll endlich mal das Vergnügen haben auf der R ein bisschen Gas geben zu können und ich sehne mich nach einem bisschen Luxus und einer entspannten Sitzhaltung. Aber es passiert, was wir befürchtet haben: Kaum sitzen wir auf den Motorrädern, danken unsere Körper uns dies mit Schmerzen wie am dritten Tag.  Sie rebellieren gegen die veränderte Belastung und die ungewohnte Haltung und so wechseln wir bei der ersten Pause wieder zurück auf unsere alten Motorräder. Einen Versuch war es wert und ich muss Corinna großen Respekt zollen – ich kann erst jetzt richtig würdigen, wie flüssig und entspannt Corinna die kurvige Strecke ans Nordkapp mit der RT gemeistert hat. Wir kommen supergut voran heute, auch wenn das Wetter immer wieder einen Joker für uns auf Lager hat. In Uppsala und Stockholm werden wir zudem vor stärkerem Feierabendverkehr verschont. Zwischendurch gibt es eine telefonische Kriesensitzung mit dem Chef: Muss Corinna morgen Abends in Sinzig aussteigen, und die Tour abbrechen, weil uns die Zeit davon rennt und sie am Montag wieder arbeiten muss? Corinna spricht mit ihrem Chef und kann einen Tag Verlängerung aushandeln und die gemeinsame Weiterfahrt sicherstellen. Das ist gleichzeitig der Startschuß für das Wunderlich-Team in Sinzig. Flüge werden umgebucht und der Boxenstop zeitlich neu organisiert. Jetzt können wir es schaffen und wir wollen es schaffen – gemeinsam das südliche Ende Europas zu erreichen!

An der nächsten Tankstelle bietet sich endlich die Gelegenheit das Bier aus dem Topcase zu verbannen. Ein Springbrunnen muß zweckentfremdet als Topcase-Waschanlage herhalten. Wir packen die Sachen zum Waschen und Trocknen auf dem Parkplatz aus. Erst werden unsere Sandalen, dann die Regenhüte und Abschließend das Topcase gebadet. Wir möchten nicht wissen, was die Leute denken, die in diesem Moment vorbei fahren...Der Tankwart spendiert eine ganze Menge Plastiktüten und so können wir alles einigermaßen sauber erneut verpacken. Nur der laue Bierduft bleibt, der uns um die Nase weht, wenn wir das Topcase öffnen. Beim Tanken in Husqvarna haben wir ein tolles Gespräch mit einem schwedischen Pärchen, das uns am liebsten mit zu sich nach Hause genommen hätte. Sie fahren selbst eine Adventure und sind einfach Baff, als wir von unserem Vorhaben erzählen! Sie würden gerne mehr über unsere Tour erfahren und laden uns kurzerhand ein. Wir lachen in der kurzen Zeit sehr viel und verabschieden uns mit einer Einladung wieder nach Husqvarna zu kommen im Gepäck , um von unseren Erlebnissen zu berichten. Vor unserer Weiterfahrt wünschen sie uns eine schöne, gemeinsame Zukunft – auf dass es ein Leben lang so sein werde! – Wollen wir es hoffen ;-) Gegen 22:00 haben wir unser Tageskilometerpensum schon weit überzogen. Es ist stockdunkel, kalt und wir machen uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Wir folgen diversen Autobahnausfahrten mit Hotelbeschilderung und werden ein um’s andere Mal ins Leere geschickt. Letztendlich erreichen wir ziemlich müde gegen 23:00 Uhr Helsingbor und finden auch auf dem Weg zum Fährhafen wieder ein Scandic Hotel. Weniger zu unserer Freude ist das Hotel wegen einer Großveranstaltung in der Stadt leider völlig ausgebucht und der Rest der Stadt auch. Der Rezeptionist druckt uns netterweise die Fährabfahrtszeiten aus und so machen wir uns auf gut Glück auf den Weg zum ScandicLine-Terminal im Hafen. Wir haben bereits mittags versucht über die Buchungs-Hotline eine Fähre zu reservieren, konnten aber die deutsche Hotline-Nummer von Schweden aus nicht erreichen. Wir fahren an den Check-In- Schalter der ScandicLine und ich lege die gesponserten Tickets vor. Es dauert eine knappe Minute und wir dürfen mit der Anweisung „Spur 13, bitte“ durchfahren. Wir fahren direkt durch bis auf die Ladefläche des Schiffs und haben den Seitenstände unserer Motorräder noch nicht ganz ausgeklappt, als die Schleuse schließt und die Fähre gen Dänemark ablegt. Perfektes Timing! In Dänemark angekommen tanken wir erneut voll und lassen uns den Weg zum nächsten Hotel erklären. Knapp 200 Meter links von der Tankstelle entfernt erreichen wir das Hotel Las Vegas. Wir halten vor einem unscheinbaren Bau, in dessen verrauchter Lobby zwei Männer sitzen und uns ein Zimmer für 95 Euro inklusive Frühstück anbieten, welches bereits um 5:30Uhr einnehmen können. Die Motorräder sollen wir in die Lobby stellen, da sind sie sicher. Was will man mehr, nach so einem langen Tag? Genau eine heiße Dusche, Voltaren Gel und ab in’s Bett!


Freitag, 19. August, 05:00 – Tag 7, 817km (ges. 6898)

Die Heimat ruft, was aber das Aufstehen nicht um ein bisschen leichter macht. Wieder ist es Corinna, die dafür sorgt, dass wir pünktlich aus den Federn und auf die Strasse kommen. Beim Frühstück bin ich noch so schlaftrunken, dass ich den Kaffee ins Saftglas und den Saft in die Kaffeetasse füllt, aber kaum auf dem Motorrad bin ich dann auch wieder wach. Wir folgen der sogenannten Vogelfluglinie zum nächsten Fährhafen nach Deutschland. Die Fähre von Rodby nach Puttgarden befördert uns ebenfalls ohne jegliche Wartezeiten. Es bleibt kaum Zeit für ein letztes Foto an Deck, einen Becher Kaffee und zollfrei Zigaretten kaufen, da stehen wir auch schon auf deutschem Boden. Puh, welch' eine Hektik. Wir haben uns so an die Ruhe und Gelassenheit auf den Skandinavischen Strassen gewöhnt und jetzt stecken wir inmitten dieses stressigen, hektischen Verkehr auf deutschen Strassen und das ausgerechnet an einem Freitag, mitten im Ferienrückreiseverkehr, ein Stau hinter dem anderen. Diverse Wettercapriolen und eine Vollsperrung zwingt uns zu Pausen unter Autobahnbrücken im Wechsel gefolgt von Sonnenschein. Die Kilometer vergehen langsam und wir müssen unsere Ankunftszeit in Sinzig mehrfach nach hinten korrigieren. 60km vor unserem Tagesziel zwingt uns ein Gewitter und Platzregen bei Köln erneut in die Knie und wir erreichen naß bis auf die Haut die Raststätte Ville, wo bereits mehrere Motorradfahrer unter dem Dach  der Tankanlage Zuflucht vor dem Wetter gefunden haben. Verdammt, so kurz vor dem Etappenziel noch mal ausgebremst. Als der Regen nachlässt, nehmen wir die letzten Kilometer dieses nervlich härtesten Tages in Angriff und erreichen gegen 19:00 Uhr das Firmengelände von Wunderlich. Steffen von AZ Media ist da mit der Kamera, die Belegschaft jubelt uns zu und applaudiert, als wir die Motorräder abstellen. Wir werden gleich umarmt und bekommen ein Glas Sekt in die Hand. Während in der Werkstatt die Motorräder gecheckt werden und jeweils einen neuen Hinterreifen bekommen, beantworten wir zahlreiche Fragen und erzählen unsere Geschichten. Die RT bekommt zudem eine kleinere Scheibe, denn nun soll es ja mit jedem Kilometer gen Süden wärmer werden. Völlig groggi fahren wir gegen 22:00Uhr zu mir nach Hause und verzichten der Müdigkeit halber sogar auf unser Abendessen.  Das Campingequipement wird noch abgepackt, die Wäschebeutel gegen frische Bekleidung getauscht und wir fallen nach der obligatorischen, heißen Dusche ins Bett.


Samstag, 20. August, 05:00 – Tag 8, 1324km (ges. 8222)

So langsam baue ich echt eine Weckerphobie auf, aber Corinna schafft es doch immer, mich aus dem Bett zu kriegen. Schnell sind wir auf den Maschinen und gönnen uns unser Frühstück am ersten Stop, der Raststätte Brohltal. Via Luxemburg fahren wir nach Frankreich. Noch ist von südlicher Wärme wenig zu spüren, aber wir glauben fest daran, dass wir diese bald erreichen werden. Beim Tanken in Dijon treffen wir einen Mann, der mein Motorrad am liebsten gleich kaufen und mitnehmen möchte. Wir vertrösten ihn auf die Motorradmesse in Paris und haben ein lustiges Gespräch mit ihm und seiner Frau. Es macht Spaß hier zu fahren. Dank Tempomat verbleiben wir immer im grünen Bereich der Straßenverkehrsordnung. Bei Lyon haben wir Streit mit dem Navigationsgerät – es will uns über eine Landstrasse weiterbringen, was wir jedoch nicht einsehen wollen. Letztendlich geben wir dem elektronischen Wichtel Recht und sparen doch tatsächlich 50km! Es fällt trotzdem schwer einen Wegweiser am Straßenrand zu ignorieren, bloß weil so ein Kasten im Cockpit es besser zu wissen scheint... Das Wetter wird wirklich offener und die Luft wärmer. Der Verkehr verdichtet sich glücklicherweise nur auf der Gegenfahrbahn zu einem Stau von über 100km Länge. Es sind Frankreich und Spanien Urlauber auf der Heimreise. Im Süden Frankreichs machen wir dann Bekanntschaft mit einem Phänomen, dass wir bisher nur aus dem Erdkundeunterricht kennen – dem Mistral. Dieser kräftige Wind bläst geradezu stürmisch über die Autobahn, erwischt uns seitlich und zerrt mit aller Macht an unseren Nackenmuskeln. Wir werden kräftig hin und her geschüttelt und müssen stellenweise mit vollem Körpereinsatz die schweren Maschinen in der Spur zu halten. Kurz vor der Grenze zu Spanien telefonieren wir mit dem Direktor des neuen Hilton Hotel in Barcelona. Er hat uns bei einem früheren Telefonat versprochen, dass wir gratis bei ihm übernachten dürfen. Am Telefon erfahren wir jedoch, dass die Eröffnung auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben werden musste, da eine wichtige Unterschrift der Stadtverwaltung fehle. Schade, nun müssen wir uns selbst um unsere Übernachtung kümmern. In der Dämmerung erreichen wir die Grenze zu Spanien und auf der Gegenspur hält immer noch der Rückreisestau an. Etwa 100km vor unserem Tagesziel Barcelona beginnt es dann zu regnen. Hallo? Wir dachten hier in Spanien ist Sommer? Wir tanken die Motorräder für heute ein letztes mal voll undsetzen unsere Hotelsuche entlang unserer Strecke fort. Kurz vor Barcelona hat Corinna den richtigen Riecher und wir finden ein Hotel etwas außerhalb und in direkter Nähe zur Autobahn. Das Zimmer kostet zwar stolze 95 Euro, aber die Motorräder dürfen videoüberwacht direkt vor der Türe parken und Schumi war auch schon mal hier... Doss serveca per favor – und dann wie immer schnell ab in’s Bett.


Sonntag, 21. August, 05:00 – Tag 9, 1199km (ges. 9421) die spanische Zielgerade

Der Tag der Entscheidung empfängt uns herbstlich dunkel und feuchtkalt. Schlaftrunken starten wir die Motoren und fahren auf die Autopista. Erst nach zwei Stunden beginnt das Morgengrauen und läßt das Tageslicht zu uns durch. Leider braucht die Sonne eine ganze Weile, um die dicken Nebelbänke aufzulösen, die hier in den Tälern hängen. Bis dahin bleibt es herbstlich frisch und ungewohnt kalt. So haben wir uns Spanien im Hochsommer nun auch nicht vorgestellt. Entspannt geht es voran, das beinahe schon greifbare Ziel Gibraltar treibt uns an. Während wir über Funk plaudern verpaßt Corinna eine Abfahrt. „Warte auf mich, bin gleich da...“ Ich habe noch nichtmal Zeit den Fotoapparat auszupacken, da braust Corinna mit der RT schon an ihm vorbei. Es ist trotzdem ein komisches Gefühl, plötzlich alleine am Straßenrand zu stehen, ohne den Anderen. Man gewöhnt sich an die Nähe und das Wissen, dass man gemeinsam alles durchstehen kann. Wir zweifeln, ob diese Tour in einer Alleinfahrt auch für uns möglich gewesen wäre. Schließlich ist es ein schönes Gefühl zu Wissen, daß man zwar für sich auf seinem Motorrad sitzt, aber dennoch nicht alleine unterwegs ist. Dann folgt  wieder ein Streit mit dem Navi. Ich meine, wir wären am richtigen Autobahnabzweig vorbei gefahren, unser elektronischer Wegweiser ist natürlich anderer Meinung. Wir wenden, diskutieren über die geografische Lage von Grenada und fahren ein Stück zurück. Diesmal hat das Navi ein Einsehen und folgt nach unzähligen Neuberechnungen unserer Route. Die Autopista geht in eine kurvenreiche Autovia, eine spanische Schnellstraße über. Wunderschön  schlängelt sich diese durch Andalusien in Richtung Granada. Die Landschaft wirkt karg und felsig, wie in Marokko oder im türkischen Capadokien. Unsere Augen wandern von der Straße weg über die beigefarbenen Hügel, die mit kleinen Büschen und Olivenbäumen bestellt sind. Eigentlich fehlt in dieser malerischen Landschaft nur noch Don Quichotte, der mit seinem Pferd an uns vorbei reitet.

Nun wird es zunehmend heißer. Wir fahren gegen einen Fön der Stufe drei und entledigen uns beim nächsten Stop unserer Regenjacken, sowie der Gore-Inlets. Endlich kann die Rukka Kombi mal zeigen, wofür sie eigentlich gemacht ist: Hitze. Und da ist sie wirklich perfekt. Wir trinken viel Wasser und Corinna sorgt für die richtige Dosis Elektrolyte in unseren Camelbags, um den Salzhaushalt des Körpers trotz Schwitzen stabil zu halten und zudem nicht alle 5 Minuten zum Pinkeln anhalten zu müssen. Kaum können wir die Hitze richtig genießen, fängt es erneut an zu tröpfeln und die Strassen färben sich schillernd schwarz. Wir haben gerade noch Zeit unsere Regenjacken über zu ziehen, als sich binnen zwei Minuten so viel Wasser über uns ergießt, dass wir trotz Regenklamotten pitschenaß sind. Die Strasse verwandelt sich in einen schäumenden Sturzbach, aber auch das kann uns nicht aufhalten. Wir  können in den überragenden Grip unserer Reifen vertrauen und die kurvige Fahrt in vollen Zügen genießen. Die Strecke verleitet uns trotz Nässe zu flotter Fahrt, dennoch bremst der dichte Verkehr und die Vernunft es nicht zu übertreiben... Mit dem 40sten und letzten Tankstop unserer Tour erreichen wir die spanische Küstenstrasse mit Ihren zahlreichen Mautstationen und folgen der Beschilderung „Algeciras“. Um 19:00 Uhr treffen wir, nach Umfahrung einer kilometerlangen Warteschlange, am Grenzübergang La Linea - Gibraltar ein und werden von Erich Wunderlich freudig begrüßt.Er muss warten. Erstmal fallen wir uns überglücklich in die Arme. Wir haben unser erstes (und sicher nicht letztes) Abenteuer gemeinsam gemeistert. Wir können sogar den englischen Zollbeamten überreden, unsere Pässe für den Film nochmals zu kontrollieren. Wir wollen weiter zum Europe Point fahren und stehen bereits nach 10m in einer Autoschlange vor einer roten Ampel. Plötzlich schießt eine Boing 737 über die Ampelkreuzung in Richtung Mittelmeer an uns vorbei. Die Hauptverbindungsstrasse zum Zentrum führt in Gibraltar direkt über das Rollfeld des angrenzenden Flughafens und wird für Starts und Landungen von Flugzeugen kurzfristig gesperrt. Fasziniert fahren wir durch die einspurigen engen, winkeligen Gassen dieses alten Seeräubernestes und machen Fotos auf dem Upper Rock des Affenfelsen. Wir verfehlen die  Abfahrt zum vereinbarten Treffpunkt „Europe Point“, den geographisch südlichsten Punkt Europas und landen in einer Sackgasse. Corinna wendet die RT sicher und souverän bei gut 15 Grad Gefälle. Dennoch erreichen wir erst mit Einbruch der Dunkelheit den Europe Point, wo Erich und Frank uns bereits mit einer Flasche Champus erwarten. Wir haben es geschafft – wir sind mit unseren Motorrädern in neun Tagen knapp zehntausend Kilometer quer durch Europa getourt und innerhalb von fünf Tagen vom Nordkapp nach Gibraltar gefahren!  Wir sind ausgepowert, völlig fertig aber glücklich über unseren persönlichen Erfolg. Wir übergeben die Maschinen und im Hotel erwartet uns eine wohltuende Dusche und leichte Sommerkleidung - endlich mal raus aus den Motorradklamotten. Erleichtert und wie neu geboren schlendern wir mit Erich und Frank  lange durch die Stadt und bekommen trotz Sperrstunde noch etwas zu essen und ein kühles, wohlverdientes Dosenbier! Später fallen wir erschöpft in unser Bett und schlafen promt ein– der Wecker wird uns noch einmal um 5:00 Uhr um den Schlaf bringen, denn wir wollen ja nicht den Flug nach Hause verpassen. Erich und Frank werden die beiden Maschinen gemütlich nach Hause fahren...


Und wir planen schon die nächste Tour - wieder gaaanz gemütlich Neuland entdecken...

Corinna & Jochen


Tja, die erste Tour zu Zweit, nicht Bekannte oder nur ich selbst sind unterwegs, sondern ein Zweierteam, dass nicht nur die Leidenschaft des Motorradfahrens teilt, sondern noch viel mehr. Eine ganz neue Erfahrung, die aber unglaublich schön ist und die ich nicht mehr missen möchte. Man schaut einfach anders in den Rückspiegel oder nach vorne, wenn der Mensch auf dem Motorrad hinter oder vor einem nicht nur ein Begleiter sondern der Mensch ist, den man liebt. Und ich bin mir sicher, die Strapazen dieser Tour hätte ich mit einem Freund oder Bekannten an meiner Seite nicht durchgestanden... Ich freue mich schon auf alle Abenteuer, die Corinna und ich gemeinsam erleben werden - mit und ohne Motorrad!